Lanzarote - Einführung

Lanzarote und die vorgelagerten Isletas sind die nördlichsten Inseln des kanarischen
Archipels mit einer Gesamtfläche von knapp 800 Quadratkilometern. Es sind zugleich
jene Kanareninseln, die dem afrikanischen Festland am nächsten liegen. Diese Nähe
zur Sahara merkt man sogleich, wenn man die Inseln betritt. Es ist heiß und trocken,
die Vegetation ist karg und Niederschläge sind selten. Dennoch - oder vielmehr :
gerade deshalb, bietet die Insel für den geologisch interessierten Besucher eine
Vielzahl von Eindrücken. Auch wenn Sedimentgesteine selten sind, so sind die
vielfältigen Erscheinungen des Vulkanismus hier besonders gut zu studieren und es
gibt in Europa - mit Ausnahme von Island - wohl kein anderes Gebiet, wo auf so
engem Raum derart viele verschiedene vulkanische Prozesse und Strukturen
beobachtet werden können. Grund genug, im Frühjahr 1994 drei Wochen lang nach
Lanzarote zu fliegen und - fernab des Massentourismus mit Leihwagen und Zelt,
aber auch in Privatquartieren - diesen Naturwundern nachzugehen.
Lanzarote wurde wie die anderen Kanareninseln auch zuerst von den Guanchen
entdeckt und besiedelt, einem auch heute noch weitgehend rätselhaften Volk, das in
zahlreichen unabhängigen Königreichen organisiert war. Die Inseln waren jedoch
auch den antiken Völkern bekannt, die die gesamte Kanarengruppe Purpuraria
nannten nach dem reichlichen Vorkommen der damals höchst geschätzten
Purpurschnecken.
Ab dem 14. Jahrhundert eroberten die Spanier die Inseln. Einer Legende zufolge
zerbrach der französischstämmige Ritter Jean de Bethencourt am Strand von
Lanzarote vor Freude seine Lanze und schleuderte die Bruchstücke in alle
Himmelsrichtungen. Diesem Ereignis, der Lanca rota (= gebrochene Lanze), soll die
Insel ihren noch heute gültigen Namen verdanken

Die spanische Inbesitznahme und die nachfolgende Christianisierung führte rasch
zum Untergang der guanchischen Kultur oder vielleicht besser: zu deren
Assimilation, denn es haben sich bis heute einige recht typische und nur hier
vorkommende Inselbräuche erhalten. So zum Beispiel der Llucha canario, ein mit viel
Begeisterung betriebener "nationaler" Ringkampf. Auch die kanarische Küche weist
einige interessante Besonderheiten auf, so im Meerwasser gekochte kleine
wohlschmeckende Kartoffeln mit einer würzigen Soße namens "Pappas arrugadas
con mocho", die man als Besucher nicht missen sollte.
In den folgenden Jahrhunderten gedieh eine zeitweise recht wohlhabende Fischerei-
und Bauernkultur, die sich zunächst auf die Gewinnung des in einer einheimischen
Flechtenart vorkommenden roten Farbstoffes Orchille spezialisierte. Nach der
Eroberung Mittelamerikas durch die Spanier und der Einführung der Opuntia -
Kakteen in die Alte Welt wurde die Orchille - Farbgewinnung mehr und mehr durch
die Kultur von Cochenille - Schildläusen verdrängt. Dieser Opuntienanbau und die
daran anschliessende Gewinnung von Cochenillefarbstoff ist auch heute noch ein
bedeutender Wirtschaftszweig auf der Insel, wohingegen der Farbstoff der Orchille -
Flechten heute nicht mehr verwendet wird. Daneben spielte seit altersher der
Weinanbau und die Salzgewinnung auf der Insel eine größere wirtschaftliche Rolle.
Eine besondere landwirtschaftliche Besonderheit von Lanzarote soll bereits hier
angesprochen werden. Die tiefgründige Überdeckung von landwirtschaftlichen
Nutzflächen mit schwarzem Tuff, hier "Picon" genannt". Diese Steinmulchung sorgt
für eine ungewöhnlich effektive Speicherung von Tau und Nebelnässe, die
anschließend langsam wieder an die Pflanzen abgegeben wird. Durch diese Art der
Feldbewirtschaftung wird der Anbau verschiedenster Kulturen, so unter anderem
Zwiebel, Mais, Kürbis und Kartoffel auch bei sehr niedrigen Regenfällen möglich - ein
Beispiel, das sicherlich auch in anderen semiariden Gebieten dieser Welt
Anwendung finden könnte.

Während sich in den vergangenen Jahrhunderten die Inselbevölkerung sehr
allmählich entwickelte - zeitweise von Vulkanausbrüchen empfindlich gestört - so hat
sich auch hier in den letzten Jahrzehnten vieles geändert. Die alten
Wirtschaftsstrukturen sind teils zusammengebrochen, teils stark rückläufig. Dafür
boomt seit einigen Jahrzehnten der Inseltourismus. Hotelneubau entsteht an
Hotelneubau und insbesondere in den drei Tourismuszentren Costa Teguise, Puerto
del Carmen und Playa Blanca hört man weit mehr deutsche oder englische Laute als
spanische. Und dennoch: dem Naturliebhaber bietet die Insel nach wie vor ebenso
einsame wie grandiose Eindrücke und Einblicke. Sei es die speziell im Frühjahr
besonders eindrucksvolle Pflanzenwelt mit zahlreichen Endemiten, sei es die über
das ganze Jahr gleich faszinierende Welt der Gesteine und Mineralien, sei es die
beeindruckende vulkanische Landschaft allein