Geologie und Vulkanologie von Lanzarote

Im Gegensatz zu den meisten Mittelmeerinseln bestehen die der Westküste
Marokkos vorgelagerten Kanarischen Inseln fast auschließlich aus vulkanischen
Gesteinen. Hierbei überwiegen basaltische Ergüsse bei weitem, die jedoch ganz
unterschiedlichen Zeitaltern entstammen. Die ältesten Ergußgesteine auf Lanzarote
finden sich im Südwesten und Nordosten der Insel. Hier treten in dem imposanten
Bergmassiven von Los Ajaches und Famara mehrere hundert Meter mächtige
Flutbasalte zu Tage. Insbesondere im Famaramassiv sind diese auch Trappbasalte
genannten, wohlgeschichteten Basalt - Tuffitabfolgen mustergültig aufgeschlossen.
Das Alter dieser Gesteine liegt bei etwa 16 Millionen Jahre, es handelt sich somit um
einen südlichen Ausläufer der speziell im nordeuropäischen Raum (Island, Färöer,
Spitzbergen etc.) weit verbreiteten tertiären Flutbasaltdecken.
Nach einer langen Phase vulkanischer Ruhe fand der nächste Eruptionszyklus vor
wenigen Millionen Jahren statt. Möglicherweise verbunden mit tektonischen
Ereignissen, die den Zentralteil der Insel absinken ließen, bildeten sich hier
umfangreiche Vulkanketten aus. Berühmte Einzelvulkane dieser Zeit sind zum
Beispiel der Montana Teneza bei Tinajo, der weithin sichtbare rote Vulkan Montana
Roja an der Südspitze der Insel bei Playa Blanca und der von einer historischen Burg
gekrönte Guanapayberg bei Teguise im zentralen Hochland. Obwohl einige der
Vulkane dieses zweiten Eruptionszyklusses gut erhalten sind, wurden die meisten
von ihnen bereits weitgehend erodiert.

Die modernen quartären Eruptionszyklen beginnen mit dem wenige tausend Jahre
alten Vulkangebirge des Coronamassivs im Norden der Insel. Dieses umfasst neben
dem auch heute noch modellhaft ausgebildeten Coronavulkan auch die randlich
vorgelagerten Krater Quemada und Quemada de Orzola sowie Los Helechos. Die
Hauptmasse der Lava aus diesem subrezenten Vulkangebiet floss Richtung Osten
ab und überflutete hier eine Fläche von mehr als 50 Quadratkilometern. Auch heute
noch stellt dieses "Malpais de la Corona" genannte Gebiet zwischen Orzola und
Arrieta eine landwirtschaftlich kaum nutzbare, vegetationsarme Fläche von bizarrem
Reiz dar. Zahlreiche Lavahöhlen befinden sich in diesem Gebiet, von denen die
größte eine Länge von über 7 Kilometer erreicht. Zwei kleinere Lavaströme fanden
ihren Weg nach Osten und fielen bei Ye und Guinate in einem spektakulären
"Feuerfall" etwa 400 m tief über die Steilkante des Famaragebirges hinab ins Meer.
Der jüngste große Eruptionszyklus begann am 1. September 1730 und verwüstete in
den folgenden 6 Jahren ein zuvor fruchtbares Gebiet von mehr als 200
Quadratkilometern. Innerhalb dieser Zeit öffneten sich auf engem Raum mehr als
100 Ausbruchskrater, die mit ihren Ascheneruptionmen weite Teile der Insel
bedeckten. Dieses Timanfaya oder auch Montana del Fuego (= Feuerberge)
genannte Gebiet im Südwesten Lanzarotes stellt seither mit seinen fast
vegetationslosen "Mondlandschaften" und seinen zahlreichen verschiedenen
Vulkantypen ein vulkanologisches Geotop ersten Ranges dar. Seit 1974 zum
Nationalpark erklärt, ist es inzwischen auch zu einem der größten touristischen
Attraktionen der Insel avanciert.
Nach 12 Jahren Erdbebenaktivität öffneten sich 1824 nochmals drei Krater im
Timanfayagebiet und sandten neue Lavaströme aus, die indessen in den seit 1730
unbesiedelten Westen der Insel abflossen. Hierbei kam es zu einem interessanten
Phänomen. Gegen Ende der Aktivität förderte der Volcan Nuevo im zentralen Teil
von Timanfaya große Mengen von kochendem Salzwasser (!) und Wasserdampf.
Diese weltweit seltenen "Hydroeruptionen" scheinen auf den Kanaren relativ häufig
zu sein, sind doch von Teneriffa und den benachbarten Inseln ähnliche
Erscheinungen dokumentiert worden. Der rasch abklingende Eruptionszyklus von
1824 stellt den letzten Vulkanausbruch auf Lanzarote dar. Bis in die nahe Zukunft,
denn 300 Grad heiße Temperaturen in nur wenigen Metern Erdtiefe, wie sie im
Timanfayagebiet gemessen werden, machen deutlich, daß weitere Vulkanausbrüche
durchaus wahrscheinlich sind. So zeigt sich gerade am Beispiel Lanzarote, daß ein
seit Millionen Jahren erloschenes Vulkangebiet an praktisch gleicher Stelle durch
hierfür günstige geodynamische Prozesse reaktiviert werden kann.

Die vulkanologische Entwicklung der kleineren Nachbarinsel Graciosa verlief weit
weniger vielfältig. Über das Alter der Vulkane hier ist bisher offensichtlich wenig
bekannt, jedoch handelt es sich nach dem vorhandenen Erosionsniveau um
subrezente, wohl einige tausend Jahre alte Vulkankegel, die aufgrund ihrer
räumlichen Nähe vielleicht zeitgleich mit der Coronagruppe auf Lanzarote
entstanden.

Auch wenn Sedimentgesteine auf Lanzarote und Graciosa weitgehend fehlen, so gibt
es doch gerade im Bereich der Lockersedimente einige interessante Bildungen.
Hierzu gehören die teilweise gefritteten roten Paläoböden im Famaramassiv, die
besonders im Raum Orzola durch die in ihnen enthaltenen Straußeneierschalen
bekannt wurden. Ebenfalls Erwähnung verdienen die quartären Flugsande und
Kalkpfannenbildungen auf Graciosa mit ihren interessanten marinen und
terrestrischen Fossilbestand.